#9: 1. Mai - Tag der Arbeit oder der Finaleinzug des Real Madrids

Der 1. Mai – ein Tag, der in weiten Teilen der Welt seit Jahrzehnten mit viel Pathos, Konflikten und Kämpfen aufgeladen ist. Ein Tag, der für die Errungenschaften der Arbeiter*innen sowie für die noch auszufechtenden Veränderungen steht. Die 8-Stunden-Woche, das Streikrecht, der Arbeitsschutz und der bezahlte Urlaub sind Normalität geworden. Heute gilt es mit neuen Konzepten der Digitalisierung ins Auge zu schauen, 4-Stunden-Tage oder Grundeinkommen sind im Gespräch. Doch neben den Demonstrationen des Deutschen Gewerkschaftsbundes, linken und rechten Gruppierungen und so harmonisch übereinstimmenden Aktionen wie „Wo eine Villa ist, ist auch ein Weg“ in der Berliner Villengegend Grunewald oder „Gegen linksradikale Gewalt gegen Polizisten“ der CDU in Kreuzberg, steht immer mehr das Feiern im Vordergrund, gerade um die aufgeheizte Stimmung zu entladen. Das MyFest und das neue MaiGörli in Berlin sind die gängigsten Beispiele. 

So viel zur Sicht aus Deutschland. Aus der Sicht eines in Togo lebenden Menschen müssen diesem Tag der Arbeit weitere Facetten hinzugefügt werden. Der Tag der Arbeit feiert auch die freie Arbeit, unabhängig von äußeren Mächten, welche zu oft in den letzten Jahrhunderten die Arbeitskraft zu menschenunwürdigen Konditionen ausgenutzt haben. Gerade einmal vier Tage nach dem Unabhängigkeitstag wird daher wieder gefeiert und bei mir entsteht der Eindruck, dass diese zweite Feier vielen Togoer*innen wichtiger ist. Im Gegensatz zum 27. April ziehen an diesem Abend große Frauenverbände in uniformer Kleidung durch die Bars der Stadt, die Hauptverkehrspunkte sind besonders voll, die Bässe wummern aus jeder verfügbaren Anlage. Viele Gastfamilien gehen mittags in Restaurants zum Essen, viele Läden und Essenstände – an Ostern und Weihnachten offen - haben geschlossen. Es wird der Fleiß und das Potenzial des Landes gefeiert, eine Karawane der unterschiedlichsten Arbeitsgruppen zieht durch die Stadt.

Der Unabhängigkeitstag könnte als große Errungenschaft gefeiert werden, doch die Folgen jenen 27. Aprils 1960 sind nicht die Erhofften – Europa hat sich selber nicht dekolonisiert und Togo ist wirtschaftlich nicht unabhängig. Das liegt zum Teil auch an der Regierung, doch diese instrumentalisiert diesen Tag jedes Jahr erneut. Die Marschmusik der Militär- und Schulparaden und die Lobgesänge auf die glorreichen „Präsidenten“ hallen an diesem Tag durch die Straßen.

In Togo haben ich keine starke Unterteilung der Politik in linke oder rechte Lager beobachten können. Entweder ist der*die Togoer*in Anhänger*in der Regierungspartei UNIR, dessen Vorläufer seit 1967 an der Macht ist, oder Anhänger*in eine der vierzehn Oppositionsparteien. Und so ist vice versa der Tag der Arbeit der Tag der Opposition. Ein Tag, an dem sich traditionell die Arbeiter gegen den Staat und die Arbeitgeber wenden, gegen 51 Jahre Herrschaft der Familie Gnassingbé und der internationalen Konzerne.

Mit diesen Gedanken sitze ich abends im Bel Air, dem Public Viewing Hotspot für Fußballbegeisterte. Knapp 200 Menschen verfolgen für je 150 Franc CFA (knapp 27 Cent) das Halbfinalrückspiel der Champions League zwischen Real Madrid und Bayern München. Ein Großteil in Kpalimé ist großer Realfan, bloß eine Handvoll haben dem FC Barcelona ihre Treue geschworen. In der Hitze des Spiels entsteht fast eine größere Rauferei zwischen den verfeindeten Fanlagern, Bayern fehlt nur noch ein Tor um das Spiel zu drehen und ins Finale einzuziehen. Ich finde bemerkenswert bei welch großen Entfernungen eine Fehde zwischen zwei Mannschaften noch Wirkung haben kann und beobachte mit einem verschmitzten Grinsen das Geschehen. Der Schiedsrichter lässt dann auch noch sechs Minuten lang nachspielen, vor lauter Beschimpfungen hören die Aufgebrachten den Schlusspfiff nicht. Doch schließlich wird klar, dass Real es ins Finale geschafft hat und schon werden fleißig Hände geschüttelt. Am Ende sei es doch ein faires Spiel gewesen. Das wäre aich ein gutes Fazit für diesen Tag und seine Bedeutung. Konjunktiv. Leider. 

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