#8: Reisen auf verschiedenen Wegen

Der Rucksack war gepackt, rasch tütete ich noch das frittierte Hühnchen, die selbstgemachten Kartoffelpommes und reichlich Gemüse für die Fahrt ein und schon schlossen sich die Gurte mit einem leisen Klicken um meine Hüfte. Ich stand in Flip-Flops, kurzer Hose und mit Kappe in der prallen Sonne an der Sandstraße. Die Sonnencreme war in einer Seitentasche verstaut, auch das Handtuch hatte ich noch nicht vergessen. Es hätte ein Tagesausflug zum Atlantik oder zu den umliegenden Wasserfällen sein können, es war der Beginn einer zweiwöchigen Reise.

In der Hektik der Feiertage und dem Missverständnis, dass mit der Abfahrtszeit nicht die Togolesische gemeint war und eigentlich noch ein Essen vor jeder Abreise eingenommen werden sollte, sondern ich wirklich um 11 Uhr an der Taxistation stehen wollte, verabschiedete ich mich flüchtig von meiner Familie. Auf dem Weg mit dem Motorrad in die Stadt entschied sich meine Kappe für einen anderen Weg und bis ich dem Fahrer verständlich gemacht hatte, dass er doch bitte umdrehen möge um meines blonden Kopfes Willen, hatte die Blechkolonne die Kappe bereits in den Asphalt gepresst und ihr eine schwarze Reifenspur aufgedruckt. Der schwere Rucksack zog mich bei jeder Beschleunigung kräftig nach hinten, jedes Mal sah ich mich hinten über in das gleiche Schicksal meiner Kappe fliegen. Total verkrampft kam ich dennoch an der Taxistation an.

 

Das Zimmer war gegen Hochwasser gerüstet denn die Regenzeit war fortgeschritten, das Frühstück würde ich wie angekündigt direkt in der Stadt zu mir nehmen und der Rucksack war aus Erfahrung nur mit dem Wichtigsten gefüllt, also mit viel Freiraum und einer Packung Waschpulver. Die Sonnencreme war in einer Seitentasche verstaut, noch wusste ich nicht, dass das Handtuch es nicht war. Dafür lag meine Kappe im Rucksack und keiner von uns beiden machte Anstalten einen anderen Weg als den des nach vorne preschende Motorrad zu bestreiten. In der Hektik eines gewöhnlichen Apriltages machte ich noch ein paar zusätzliche Fahrten, um ein mir zustehendes Paket aus den langsam mahlenden Mühlen der bürokratischen Post zu befreien. Und dennoch kam ich an der Taxistation an.

 

Der Reiseplan stand fest: wir würden dem Verlauf der Route Nationale n°1 folgen und somit durch jede größere Stadt Togos fahren. Immer weiter gen Norden, im weiter weg vom Ozean, im weiter Richtung Wüste. Atakpamé, Sokodé, Kara und Dapaong waren die großen Ortsschilder, die vorbeizogen und mir die Unterschiede der Région des Plateaux, der Région Centrale, der Région de la Kara und der Région des Savannes offenbarten. Die Moscheen mehrten sich, die Gewänder von Männern und Frauen änderten sich, doch das Essen blieb größtenteils gleich. Der Klang der verschiedenen neuen Sprachen ähnelten immer mehr der arabischen Sprache doch das Französisch blieb uns als Kommunikationsmedium erhalten. Zwar konnten wir beim Verhandeln nicht mit ein paar eingeworfenen Worten auf Ewe punkten, doch schlussendlich waren wir mit den Preisen, die wir für jede Taxifahrt von Stadt zu Stadt zahlten, zufrieden. Mit sechs Reisenden konnten wir jedes Mal einen Wagen füllen ohne für leere Plätze zu zahlen. Zwei Personen auf dem Beifahrersitz und vier auf der Rückbank, der Wagen war fachgemäß gefüllt.

 

Schon in Kpalimé wurde mir klar, dieses Land war anders.  Anstatt als erstes empörende Rufe von sich zu geben, ungläubig zu lachen und noch schnell ein „Ao, mon ami, il faut faire un meilleur prix!“ einzuwerfen, wurden wir zu einem kleinen Häuschen geleitet. Drinnen saß ein älterer Herr mit Schirmmütze und Holzstäbchen im Mund. Er schaute auf eine Tabelle, fragte wie viele wir seien und stellte jedem und jeder von uns ein Ticket für 1800 Franc aus. Wir stiegen in den kleinen Bus und warteten. Irgendwann fuhr das Trotro - und nicht das Taxi Brousse – los. Nach einer langen Buckelpiste tauchte aus dem Dickicht ein Grenzposten auf. Ein missgelaunter togolesischer Beamter stempelte unsere Pässe ab und schon empfingen uns fünf neue Beamt*innen. Ein Flachbildfernseher stand in einer Ecke des neuen Grenzpostens, die Straße war mit dem Abschließen der Brücke über dem Fluss asphaltiert, sogar ein Medizinzelt stand für die Überprüfung unserer Impfpässe bereit. Bei der Ausreise würden unsere Pässe am ersten Grenzposten gescannt und beim zweiten per Hand in ein Buch eingetragen werden. Wir befanden uns in Ghana.

 

Der bergige Tropenwald wich mit jedem Tag ein wenig mehr einer kargen Ebene über die vor dreißig Jahren noch Elefantenherden und Löwenrudel den Wasserlöchern folgten, bevor sie während der Unruhen im Jahr 1992 vollkommen ausgelöscht wurden. In Kpalimé hatte ich noch nie einen Affen gesehen, in der Savanne sah ich kein großes Säugetier. Denn es gibt kein einziges mehr.

Wir besuchten traditionelle Weber, Töpferinnen und Schmiede, sahen alte Kolonialbauten und wurden durch zwei lokale Museen geführt. Die alte Funkstation Kamina, wichtiger strategischer Kommunikationspunkt für die Kolonien in Ost- und Südwestafrika und letzte Bastion der Deutschen im Ersten Weltkrieg, sowie der Präsidentenpalast zogen an uns vorbei. Und obwohl es ärmer wurde überraschte uns Kara, weit im Norden. Plötzlich fuhren wir in eine Stadt mit einem Netz aus perfekt asphaltierten Straßen und einer Nachtbeleuchtung. Wir fuhren in die Heimatstadt des Präsidenten.

In Sarakawa, einige Kilometer nördlich von Kara, sah ich dann doch noch drei Elefanten. Sarakawa ist ein Wildpark in der Nähe des Absturzortes der Präsidentenmaschine an dem die Legende des unsterblichen Staatsführers Eyadéma Gnassingbé entstand. 50 Jahre lang bis zu seinem Tod durfte er das Land regieren. Und als ob das abgebrannte Gestrüpp, die verkohlte Erde und der dichte Staubnebel nicht schon trostlos genug waren, wurden die Elefanten für uns besucherfreundlich mit Drogen behandelt. Orientierungslos streiften sie durchs Gehege und ließen sich streicheln. So hatte ich mir eine Safari nicht vorgestellt.

 

Der erste Morgen in Ghana war wie einer in Togo. Die Ghanaer sprachen ebenfalls Ewe und gingen ihre Erledigungen machen. Für uns stand fest, dass die nächsten Tage vollgepackt sein würden. Ho, Akosombo/Akimpoku und Koforidua standen in den nächsten drei Tagen an. Ein längerer Aufenthalt in Agona Swedru würde darauffolgen, um weitere Weltwärts-Freiwillige aus dem Vorbereitungsseminar zu treffen. Anschließend würden wir nach Cape Coast, Busua, Cape Three Points, Accra und den Kakum National Park fahren. Die Zeit war knapp. Ghana war touristisch erschlossener, was unter anderem an der deutlich besseren Infrastruktur liegt, und wir würden Vieles wie den Mole National Park, Elmina, Kumasi, Takoradi, Ada Foah, den gesamten Norden und weitere Teile der Volta Region auslassen müssen. Doch noch waren wir nicht so weit, zuerst wollten wir frühstücken. Das Menu in einem kleinen Café am Straßenrand ähnelten dem in Togo, auch wenn die Preise in Cedi (Cedis sind die Muscheln mit denen früher gehandelt wurde) und nicht Francs (von wo das wohl kommt) angegeben waren. Kaffee mit Jago (kondensierte Dosenmilch), Lipton-Tee, Omelett, Brot oder gleich ein ganzes Mittagessen. Ich bestellte wie in Togo einen Tee und ein Omelett bei dem ich betonte, dass ich kein Brot dazu wolle, da ich mein Eigenes dabeihabe. Ich bestellte ein „Omelette without pain“. Erst nach ein paar Sekunden wurde mir klar, dass diese Bestellung in Ghana keinen Sinn machte. Das französische „pain“ in Togo hätte zu einem englischen „bread“ in Ghana werden müssen. Blöderweise betonte ich „pain“ auch noch wie im Englischen und so bekam meine Bestellung eine ganz besondere Note. Im Gelächter der Anderen sprach ich meinen Wunsch nochmal anders aus. Das Omelett kam ohne Schmerz als auch ohne Brot.

 

Weit im Norden des Landes erwarteten uns schließlich die Höhepunkte der Reise. Wir besuchten das Unesco-Weltkulturerbe der Tambermas und die Grotten von Nok.

Die Tambermas sind die Wohnhäuser der lokalen Bevölkerung. Sie wurden nach einer größeren Fluchtbewegung der Einheimischen gebaut und sehen dementsprechend wie kleine Burgen mit Türmchen und Mauern aus. Die Einheimischen wollte kein zweites Mal verjagt werden. Zweistöckig beherbergen sie die Familie, das Vieh und die Getreidespeicher im Falle eines Angriffs, über Schießscharten können Pfeile abgeschossen werden. Der alte Dorfchef lag neben den Häusern unter einem Palmendach und schlief. Wir weckten ihn vorsichtig und baten um Erlaubnis, die Häuser von innen zu besuchen. Er erteilte sie uns und nach einer halbstündigen Führung kaufte ich noch eine Pfeife bei ihm. So entspannt liegend wie er, mit dieser Pfeife im Mundwinkel, würde ich auch gerne irgendwann in meinem späteren Leben die Tage ausklingen lassen wollen.

Die Grotten von Nok waren ebenfalls ein Unterschlupf für den Notfall. Weit oben in einer Steilwand waren sie in dem Felsen geschlagen. Im Falle eines Angriffs würden die Krieger die feindlichen Reiter im Galopp über die Hochebene zur Steilwand führen. Dort angekommen würden sie sich an Lianen in die Grotten schwingen. Die Reiter würden bei der Geschwindigkeit nicht mehr bremsen können und die Steilwand hunderte Meter hinunterstürzen. In den Grotten gab es Getreidespeicher, Wasserquellen und verschiedene Räume für Frauen, Kinder und Männer – ein längeres Überleben war daher gesichert. Die Aussicht war wunderschön. Die Tiefebene war perfekt geglättet, nur die Felswände ragten plötzlich hunderte Meter in die Luft. Der Stein und der Boden waren rot gefärbt, der Himmel hellblau. Die Farmen waren perfekt rechteckige Spielzeughäuser und reihten sich an die roten Straßen, welche sich durch die spärliche Bewachsung schlängelten. Ich fühlte mich wie in einem Westernfilm.

Zurück im Jetzt fuhren wir schließlich innerhalb von zwölf Stunden vom äußersten Norden mit dem Postbus nach Lomé an den Atlantik durch das gesamte Land. Mit der Malaria Tropica und ein paar wirklichen Geschenken für meine Maman kam ich wieder in Kpalimé an. Nach zwei Wochen Reise hatte ich jede Region des Landes gesehen und viel dazu gelernt. Doch meine Heimatstadt kam mir auf einmal fremd vor.

 

Die Städte waren bevölkerungstechnisch vergleichbar mit jenen in Togo und wirkten doch größer. Die Häuser standen gedrungen aneinander, viele Straßen waren asphaltiert und die Nachtbeleuchtung war ausgebaut. Wie in Deutschland kaufte ich mir für die Fahrten ein Ticket. In einem perfekten Ablauf arbeiteten Fahrer und „Mate“ zusammen, um schnell Passagiere und ihr Gepäck ein- und wieder auszuladen. Schöne einsame Sandstrände, gut erhaltende Burgen und Leuchttürme zogen an uns vorbei. Die Führungen in den Museen waren sehr gut und wir übernachteten sogar in einem Baumhaus. Nach ein paar Tagen in der ghanaischen Hauptstadt und der Erkenntnis, dass die Schere zwischen Arm und Reich in Ghana scheinbar viel größer war als in Togo mussten wir uns jedoch wieder auf den Rückweg machen. Nachts überquerten wir die Grenze in Lomé. Die Straßen waren nicht mehr in dem gleichen Zustand, es war dunkel und die Grenzbeamt*innen nicht sonderlich freundlich. Nach dem gelebten Nationalstolz der Ghaner*innen überkam mich die leicht traurige Stimmung eines Landes in der politischen und sozialen Krise. Ich war schockiert wie viel eine Grenze, zwei verschiedene Verwaltungen und siebzig Jahre unterschiedliche Geeschichte ausmachen konnten.

Wir fuhren nach dreihundert Metern an der deutschen Botschaft vorbei, bogen nach links zur Station nach Kpalimé ab und mich überkam auf einmal trotzdem ein Gefühl der äußersten Freude. Ich freute mich wieder auf die ausgeprägte Essenszene mit Bars und Streetfood, ich freute mich auf eine Youki Pamplemousse und keine glutenhaltige Alvaro-Limonade, ich freute mich auf das bessere Fufu und die Pâte anstatt des Bankus. Ich freute mich auf das Französisch, auch wenn der Akzent mir ein wenig komisch vorkam, auf das Verhandeln und auf die Motorrad-Fahrten. Ich freute mich auf meine Arbeit und mein Zimmer.

So oft war ich in diesem Land aufgewacht, so viel hatte ich eigentlich schon gesehen und so oft war ich von kleinen Ausflügen oder längeren Reisen zurückgekehrt. Doch erst jetzt konnte ich es aller Inbrunst sagen. Ich freute mich auf mein Zuhause freute.

 

Nun sitze ich im Atelier meiner Gastmutter und schreibe diese letzten Zeilen. Das warme Licht der Nachmittagssonne scheint durch die offenen Fenster und lässt einen Schwarm Insekten erscheinen. Es sind keine Anopheles-Mücken und keine krankheitsübertragenden Fliegen, einfach eine beschaulich auf der Stelle schwebende Wolke ungefährlicher Insekten. Ein angenehmer Lufthauch zieht durch die geöffneten Türen. Die Eine führt zu meiner Linken in unseren Hof, die Andere zu meiner Rechten auf die wenig befahrene Sandstraße, einen Palmenhain und eine Bergkette im Hintergrund. Gerade zieht dort eine kleine Ziegenherde vorbei, ein Eisverkäufer dreht seine täglichen Runden auf seinem Fahrrad und ein Junge überprüft die Reife der Früchte unseres Mangobaumes. Zwei Frauen tragen große Schüsseln mit Yams auf ihren Köpfen, die langen Bambusstangen federn mit jedem Schritt auf dem Kopf eines Mannes auf und ab. Mir gefällt die Atmosphäre im Atelier zwischen alten Holztischen, Hockern, mehreren fußbetriebenen Nähmaschinen und Kohlebügeleisen.

Auch dies ist ein Ort, den ich seit so vielen Monaten täglich betreten habe aber erst seit kurzem so schätze.

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