#7: Was bisher geschah - die Projektstelle

Die Zeit vergeht schnell. Heute bleibt mir wieder ein Tag weniger in Togo. Und es ist schon Nachmittag. Fast Abend.  Ich habe mich dazu entschieden es als ein gutes Zeichen zu werten und ich glaube, dass dieser Zeitschwund unter anderem an dem Alltag liegt, der sich eingefunden hat. Wenn ich von einem Alltag schreiben kann, so bin ich endgültig im Land, in der Familie und vor allem in der Arbeit angekommen und kann so die restlichen Monate in Togo verbringen. Es ist vielleicht nicht mehr alles so aufregend wie am Anfang, doch eine gewisse Ruhe und Souveränität im Leben ist auch angenehm.

Ich gehe montags bis freitags tagsüber zur Arbeit und abends zum Tanztraining. Zuhause bin ich mittlerweile komplett in den Haushalt miteingebunden und helfe beim Kochen, spüle das gesamte Geschirr, gieße die Pflanzen und kümmere mich um unseren Hund „Majesté“. Und dennoch hat sich viel verändert. Meine Einsatzstelle ist eine Andere. Doch wie kam es dazu? Ich will meinen Weltwärts-Dienst einmal chronologisch von vorne aufrollen. Dafür muss ich vor eineinhalb Jahren anfangen, im September 2016.

 

Weltwärts hat für mich seinen Anfang in der kanadischen Botschaft in Berlin, denn dort findet an jenem Septembertag 2016 eine Austauschmesse statt. Nach vielen verschiedenen Ständen ist mir klar, dass ich einen Freiwilligendienst im Ausland machen will. Mich reizt der entwicklungspolitische Aspekt und die damit verbundenen Themen von Weltwärts und somit bewerbe ich mich bei einer gemeinsamen Kieler Freiwilligenorganisation des Arbeiter-Samariter-Bundes und eines Jugendhilfe-Verbunds. Nach einem zweitägigen Auswahlseminar im Oktober kriege ich ein Angebot für eine Stelle an einem Kindergarten und einer Grundschule in Accra, Ghana, und nehme das Angebot voller Vorfreude an.

 

Doch ein paar Monate später kommt leider die Absage. Die deutsche Organisation kann eine Kooperation mit dem Partner in Ghana nicht mehr vertreten und somit bin ich wieder ohne Einsatzstelle. Es ist bereits März 2017 und ich mache mich auf die Suche nach noch dringend zu besetzende Einsatzstellen. Da ich mich schon auf die Region innerlich eingestellt und entsprechende Literatur gelesen habe, entscheide ich mich für Einsatzstellen im Nachbarland Togo. Ich bewerbe mich für ein Kommunikationszentrum mit integrierter Bibliothek in Balanka, bekomme aber letztendlich eine Stelle als Matheassistenz am Lycée Zomayi in Kpalimé.

 

Wie werde ich auf das Jahr in Togo vorbereitet? Ich besuche Anfang Juni ein 10-tägiges Vorbereitungsseminar in Dransfeld, nahe Göttingen. 25 nach Afrika reisende Freiwillige aus ganz Deutschland erarbeiten zusammen verschiedene Themen, schauen Filme, hören Gastreferenten zu, diskutieren, präsentieren, kochen, essen, putzen und spülen.

Es geht zwar auch um den Ablauf des Freiwilligendienstes, um Regelungen und Verpflichtungen oder die Gesundheit und Versicherungen aber das Hauptaugenmerk liegt auf Themen wie der Konfliktlösung, der deutschen Kolonialgeschichte, Machtsystemen und ihrer Kritik, Wirtschaftssystemen und ihren Auswirkungen oder gar Gender.

Eine Flut an Informationen und Meinungen überspült mich, nimmt mich mit und zieht mich in ihren Bann. Doch diese Flut lässt mich nicht ertrinken, nein, sie zieht mich vielmehr aufs offene Meer hinaus und zeigt mir wie viel es noch zu Lernen und zu erkunden gibt. Vieles ist mir zwar bekannt, bei den meisten Einheiten wird mir jedoch bewusst wie oberflächlich mein Wissen teilweise ist, obwohl es so wichtige Themen betrifft. Mir wird klar, dass dieses Meer an Themen, in dem ich mich nun befinde, nicht nur offen und groß ist, sondern vor allem tief. Die Vielschichtigkeit mancher Problematik ist erschreckend und ich frage mich wie ich jemals eine klare Stellung zu ihnen beziehen soll. Nach einer Einheit zur Weltwärts-Kritik zweifle ich sogar an meiner Teilnahme am Freiwilligendienst.

Doch nehmen wir als Beispiel das Thema des Rassismus, dem ein ganzer Tag bis spät in die Nacht gewidmet wird. Mir ist klar, dass Rassismus in Deutschland vorhanden ist. Gerade in den letzten zwei Jahren haben sich neue Formen dieser Diskriminierung herauskristallisiert und die scharfe Trennlinie zwischen dem einst Verbotenen und Erlaubten, zum Beispiel im Sprachgebrauch, wurde von allen Parteien in diesem Konflikt weichgezeichnet. Politische „Korrektheit“ auf der einen und „das wird man ja noch sagen dürfen“ auf der anderen Seite. Und trotzdem überraschen mich die Erzählungen von Teilnehmer*innen, die sich selbst als People of Color bezeichnen. So erzählt zum Beispiel ein Physiotherapeut, dass eine Kundin sich nicht von ihm behandeln lassen will nur, weil er nicht dem Deutschen entspricht den sie sich dabei vorstellt. Dieses nicht vorhandene Vertrauen und die Ablehnung erschrecken mich.

Rassismus ist zudem strukturell in der Gesellschaft, im Staat und in der Wirtschaft verankert, so verstehe ich zumindest eine These des Gastreferenten Tsepo Bollwinkel. Der Rassismus hat sich geschichtlich in den letzten 500 Jahren mit dem Dreieckshandel und dem Kolonialismus entwickelt und bildet heute ein komplexes Gefüge, welches nicht so schnell zum Einsturz gebracht werden kann. Zu sehr wurde die Weltbevölkerung in diesem System sozialisiert. Tsepo verwendet ein Schema bei dem die „Weißen“ sich auf einem Hügel befinden und der „Rest“ im Tal. Es gilt nun diesen Hügel von oben abzubauen, um ein gleiches Niveau zwischen allen Menschen zu erreichen. Ich liege folglich in der Verantwortung – und nicht meine togolesischen Freunde - eine Schaufel zu nehmen, da ich Privilegien besitze.

Doch in meinem Empfinden wird mir eine Last auferlegt für die ich keine Schuld trage. Sollten wir nicht vielmehr zusammen daran arbeiten Gerechtigkeit herzustellen? Warum wird in seinem Vortrag so viel in „Ihr“ und „Wir“ eingeteilt? Würde Tsepo im Lotto gewinnen, so würde er eine Universität nur für People of Color gründen. Er spricht von Minderheitenrechten. Aber würden damit nicht die Unterschiede zwischen uns zementiert werden und eine Parallelgesellschaft entstehen? Einerseits soll ich verständlicherweise nicht immer global von „Afrika“ schreiben, sondern die Länder spezifizieren. Afrika ist sehr vielfältig und unterschiedlich und das muss auch beachtet werden. Warum redet dann aber mein Freund Ibou, dessen Eltern aus Guinea kommen, davon, dass sie das erste Mal in ein Viertelfinale der Fußballweltmeisterschaft eingezogen seien, wenn es doch die ghanaische Nationalmannschaft war? Es entsteht eine Verbrüderung zwischen Menschen verschiedener Herkunft, welche jene unterdrückte Gruppe stärkt. Doch ich habe das Gefühl, dass diese Gruppe sich dadurch selber von dem Rest der Gesellschaft abgrenzt und somit nicht nur eine Ausgrenzung von außen stattfindet. Einerseits sollen die „Weißen“ diese Verhältnisse ändern, die Erde des Hügels abtragen, andererseits sollen sie sich aber auch nicht in die Angelegenheiten der Anderen einmischen, zu viel ist vor allem in den letzten 150 Jahren geschehen.

Es ist ein einziges Hin und Her, Für und Wider. Zudem wird von Tsepo sehr viel angeprangert bei dem ich das Gefühl habe, dass es nicht auf Rassismus zurückzuführen ist. Ich habe das Gefühl, dass Aktivisten wie er sich in einer Blase bewegen, die die Sicht auf das gesamte Ursachengeflecht versperren kann.

Für mich ist nach 7 Monaten in Togo zumindest klar, dass ich für den strukturellen Rassismus keine Schuld trage. Aber vielleicht trage ich für ihn Verantwortung, unter anderem, weil ich mit Privilegien geboren wurde. Es ist ein langer und schwieriger Prozess eine klare Stellung beziehen zu können und möglicherweise am Ende diese Verantwortung anzuerkennen. Ich will das Thema aber lieber – in Verbindung mit dem Begriff „Weiß sein“ – in einem eigenen Beitrag näher beleuchten.

 

Ich trete also mit vielen neuen Gedanken und auch Unsicherheiten den Flug an. Vieles habe ich mir noch vorgenommen zu lesen – wenig habe ich geschafft. Auch in Togo findet ein Vorbereitungsseminar statt welches zu einem großen Teil die gleichen Themen behandelt. Im Vordergrund steht jedoch die Gewöhnung an die neue Umgebung und das Ankommen im Land. Ich habe die drei Wochen in einer behutsamen Annäherung an ein selbstständiges Leben in Erinnerung. Zuerst trauen wir uns in Lomé kaum alleine rauszugehen. In Kpalimé machen wir bereits unsere eigenen Mototaxifahrten. Vor allem ein Gespür für das Preissystem zu entwickeln ist wichtig.

Nach einem zweiwöchigen Lehrerstreik kann ich in mein Projekt starten und besuche von 7 bis 12 Uhr morgens das Lycée de Zomayi. Der Proviseur will mich und meine Mitfreiwillige erst nicht aufnehmen, da er schlechte Erfahrungen mit den soeben gefahrenen Freiwilligen gemacht hat, lässt sich jedoch davon überzeugen es mit uns zu versuchen. Sein Misstrauen können wir aber nicht wirklich beseitigen und somit sitze ich zwei Monate lang im Klassenraum und mache: nichts. Die Unterstützung wie ich sie mir vorgestellt habe ist bei bis zu 125 Schülerinnen und Schülern pro Klasse unmöglich und mein zuständiger Lehrer stellt mir in Aussicht im März erst aktiv werden zu können. So geht es nicht nur mir, sondern vielen anderen Freiwilligen, die eine Schulassistenz angetreten haben. Ein Treffen wird veranstaltet bei dem wir unsere Probleme ansprechen und nach Alternativen suchen. Was kann Weltwärts und was kann es nicht? Die meisten Freiwilligen können keinen ganzen Unterricht leiten, sie können aber nachmittags Nachhilfestunden anbieten. Es wird beschlossen die Schulprojekte bis auf ein paar Wichtige zu beenden und in neuen Bereichen tätig zu werden: Grundschulen, Kindergärten, Krankenhäusern und Bibliotheken.

Ich fange mit ein paar Freiwilligen an, die Bibliothek im Astovot Hauptquartier zu renovieren. Wir streichen die Wände, stellen die Regale um, verlegen einen neuen Boden und entmisten die Bücher. Am 6. Dezember eröffnen wir feierlich die neue Bibliothek und 130 Kinder aus dem Viertel spielen einen ganzen Nachmittag Spiele und gewinnen Preise.

Doch vier Freiwillige sind in einer Bibliothek zu viel und deswegen fange ich an als Kommunikationsbeauftragter bei Astovot zu arbeiten, denn die zuständige Frau steht kurz vor der Geburt ihres Kindes. Es ist die Arbeit, die ich bis heute mache und ich habe meinen Spaß daran. Ich besuche viele verschiedene Projektstellen, um Fotos zu machen und Texte für die Facebook Seite und einen Newsletter zu schreiben. Ich erlange so einen vielfältigen Einblick in die unterschiedlichen Tätigkeitsbereiche der NRO. Ich kümmere mich um die Einschreibungen der Sommer Workcamps und sehe wie Projekte vorbereitet werden, wie nach der Finanzierung gesucht wird und wie das weltweite Geflecht an Organisationen zusammenarbeitet. Ich bereite mich gerade selber auf ein Workcamp im August vor, bei dem es um die Sensibilisierung von illegaler Immigration geht. Außerdem organisiere ich mit anderen Freiwilligen ein eigenes Workcamp für den Monat Juli in dem wir ein Auffangzentrum für Kinder und Jugendliche in familiären Schwierigkeiten weiterbauen wollen.

 

So, jetzt ist genügend aufgerollt. Zu viele chronologische Abwandlungen sollen nicht mehr folgen - vielleicht noch der ein oder andere Reisebericht. Ich wünsche euch auf jeden Fall frohe Ostern!

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