#6: Entstauben

„Le souffle de l’Harmattan“ ist ein wie ich finde sehr schöner Roman des Quebecer Autors Sylvain Trudel. In dem Roman geht es um zwei ungefähr 11-Jährige adoptierte Jungen, die auf der Flucht vor der bierernsten Erwachsenenwelt die Suche nach ihrem wahren Ich aufnehmen. Habéké, der mit 4 Jahren in Westafrika seine Familie durch eine Hungersnot verliert und Hugues, der im Québec mit 6 Monaten von seiner Mutter verlassen wird, machen sich daher auf den Weg zu einem Ort, den sie das Land des Exils nennen.

 

Sie folgen während ihrer täglichen Erkundungen den Schienen aus ihrer neuen Heimatstadt in Kanada, denn Habéké hat die Hoffnung, dass sein Opa, ein Bahnarbeiter, noch lebt. Die kulturelle Entwurzelung bewegt Habéké sehr und so schweift er oft in seine wenigen Erinnerungen ab, die er noch von seiner jungen Kindheit hat. Unter anderem die des westafrikanischen Windes, des Harmattans. Als ich den Titel das erste Mal las musste ich Harmattan nachschlagen. „Der Hauch des Harmattans“, „der Atem des Harmattans“ hörte sich aufregend, lebendig an und gebettet in den Erzählungen Habékés verband ich den Wind mit einem wohligen Gefühl. Ein angenehmer Wind wie jener einer lauwarmen Sommernacht; Ein Wind, der hunderte Dörfer und Städte vom arabischen Sprachraum bis hin zu mir durchstreift, Erzählungen, Glück und Leiden aufschnappt und wieder abgibt. Gut, vielleicht dachte ich auch es sei an der Zeit, dass VW diesen besonderen Wind endlich auch in sein Sortiment aufnimmt.

 

Damit lag ich nicht daneben. Mittlerweile verbinde ich den Wind mit Staubschleiern, kalten Nächten, trockenen Kehlen, die dem Harmattan kaum Erzählungen mitgeben können, und dreckigen Klamotten. Der Harmattan nahm in der Sahara kräftig Schwung und blies Unmengen an Sand in den Rest der Welt. Er kümmerte sich nicht um die Meinung Anderer, er war da und zeigte es. Wie der Feinstaubdunst in Peking hing der Wüstensand tagelang, wenn nicht wochenlang in der Luft und ließ oft kaum die Sonne durch. Morgens musste ich meinen Fließpulli überziehen, ich fror. Doch erst nachts sah ich, dass er sich nicht damit begnügte, den Himmel zu bedecken. Im Schein der Taschenlampe wirbelten Millionen feiner Sandkörner um mich herum. Der Fahrtwind einer langsamen Fahrradfahrt lies mich blinzeln. In jeder Luftschicht, auf jedem Stuhl, jedem Tisch, in jeder noch so kleinen Ritze: Sand. Hosen konnten nach einem Tag wieder gewaschen werden und hingen dann neben dem lüftenden Schlafsack auf der Wäscheleine. Nach jeder Motorradfahrt waren meine Augenbrauen orange gefärbt. Theo Weigel hätte hier keinen Spaß gehabt.

Doch dem Harmattan ist die Puste ausgegangen.


 

Ein dumpfes Grollen ist zu hören, Lichtblitze zucken am Horizont. Die beeindruckenden Formen und Farben sind bereits von weitem zu sehen und bei ihrem stetigen Nähern macht sich leichte Unruhe auf den Straßen breit. Das sonst so entspannte Treiben wird hektischer, jede*r sucht nach einem schützenden Platz. Die Maschinerie kündigt sich frühzeitig zwischen 17 und 18 Uhr an, ein Uhrwerk könnte nach ihr gestellt werden, und doch überrumpelt sie das Stadtleben jedes Mal auf ein Neues.  Plötzlich ist sie da, von Null auf Hundert in unter drei Sekunden. Das Röhren unter einem Wellblechdach, oftmals unerträglich laut, verwandelt jede Unterhaltung in ein Pantomime Spiel welches nach kurzer Zeit zum Erliegen kommt. Abwarten, denn auch das restliche gesellschaftliche Geschehen und zu oft der Strom setzen für einen kurzen oder langen Moment aus.

      

Noch ziehen an manchen Tagen die sich auftürmenden Wolkenberge folgenlos vorbei und das Schauspiel kann in Ruhe betrachtet werden. Doch der Harmattan Staub der letzten fünf Monate wird sich in den immer öfter wütenden Regengüssen der kommenden Tage legen. Schluss mit der Trockenzeit. Regenzeit. Und somit will ich jetzt auch meinen Blog nach fast fünfmonatiger Stille wiederbeleben, entstauben und mich an erster Stelle für diese Stille entschuldigen. Mit klarer Sicht in die zweite Hälfte meines Jahres in Togo.

 

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