#5: Der Konzern "Ehre sei Gott"

Radiowellen transportieren in Amplituden und Frequenzen viele Informationen über weite Strecken. Ob es kurz nach ihrer Entdeckung für Dienstleister und Militär Nachrichten waren oder ob es heutzutage vielmehr für Radiosender Musik oder eben die Diskussion einer Expertenrunde an einem schönen Samstagmorgen in Togo ist, so kommt Unterschiedliches an den Empfangsgeräten an. Seitdem diese Woche zeitweise die Frequenz geändert wurde und das Radio Vatikan Abteilung „Frankreich und Afrika“ das togolesische Radio Évangelique abgelöst hat ist bei mir vor allem eines angekommen: die christliche Religion zieht sich durch den gesamten Alltag eines großen Teiles Kpalimés. Oder dreht sich der Alltag eher um die Religion? Ich bin mir nicht sicher.

Dass an einem Sonntag der Gottesdienst besucht wird ist schon überflüssig zu erwähnen. Das Gebet und der Dank vor jeder Mahlzeit oder die Frage nach Beistand in vielen Situationen eigentlich auch. Dass gefühlt jeder dritte Laden in Kpalimé „Gloire à Dieu“ („Ehre sei Gott“) heißt, halte ich dann schon eher für erwähnenswert. Überhaupt einen Laden so zu nennen hat mich überrascht. Als ich eine Fahrschule mit jenem Namen mit meinem Cousin nach einer seiner Fahrstunden verließ und wir mit dem Motorrad nach Hause fuhren (denn dafür ist der Führerschein aus mir unbekannten Gründen nicht nötig) dachte ich noch, dass es eben ein sehr gläubiger Fahrlehrer sei. Als ich dann den zweiten, dritten und vierten Laden sah, mal ein Café, mal eine Werkstatt, mal einen Elektronikladen wurde mir klar, dass sich mehr dahinter verstecken musste. Für Filialen einer Kette war die Zusammensetzung zu komisch, wer investiert auch in so unterschiedliche Wirtschaftszweige? Doch mit der Zeit ist es klarer geworden.

 

Mittwochabend, Lehrer*innenkonferenz.  Die Lehrer*innen füllen eine ganze Stunde lang ganze zwei Din A4 Blätter aus. Irgendwann muss auch der sonst strenge Schuldirektor anfangen zu lachen. Warum sie denn so lange brauchen würden fragt er. Bereits in der ersten Woche wurde mir gesagt die Europäer*innen hätten die Stunden – die Afrikaner*innen hätten die Zeit. Die Konferenz fängt schließlich mit eineinhalb Stunden Verspätung an und als erstes wird gebetet. Also erheben sich alle Anwesenden und ein Lehrer bittet um produktive folgende Stunden. Es ist der Lehrer der bereits bei einer vorherigen Konferenz gebetet hat. Ohne ihm nahe treten zu wollen scheint er der Älteste zu sein jedoch kann ich nicht mit Sicherheit sagen, dass diese Aufgabe dem Ältesten zusteht. Kurz vor Ende der Konferenz wird sich erneut erhoben und der gleiche Lehrer dankt für die Konferenz und betet für einen sicheren Nachhauseweg – es hatte zwischendurch heftig angefangen zu stürmen.

 

Freitagabend, Tanztraining. Nach zwei Stunden intensivem Tanzens versammelt sich die gesamte „Groupe Zota“, eine Musik- und Tanzgruppe, in einem Kreis und bespricht die soeben beendete Trainingswoche; Kritik und Komplimente fallen gleichermaßen. Und auch dieses Training wird mit einem gemeinsamen Gebet, diesmal auf Ewe, beendet. Alle fassen sich bei den Händen, schauen zu Boden oder in den Himmel und lauschen aufmerksam den Worten. Ein Großteil der togolesischen Tänzer*innen und Musiker*innen betreibt verschiedene Kunstläden in der Stadt und wird zu den sogenannten „Rastas“ gezählt. Es sind jene Gruppierungen vor denen uns der Polizeikommissar der Stadt gewarnt hatte. Sie würden uns nur Drogen schmackhaft machen, wessen Gebrauch in Togo unter hohen Strafen steht. Meinem Empfinden nach stehen sie gesellschaftlich im großen Gegensatz zu den Lehrer*innen – und doch scheinen beide ähnliche Rituale und ähnlichen Glauben zu haben.

 

Ein paar Minuten in den Straßen Kpalimés reichen, um die dutzenden Aufkleber auf Heckscheiben und Motorrädern zu bemerken: Jesus ist die Lösung und Gott steht an erster Stelle.

Ein Blick auf das Handy reicht, um täglich Bilder mit selig lächelnden Menschen zu sehen, welche für die immense Gutmütigkeit Gottes danken, seinen Namen preisen und für den neuen Tag danken.

Es sind Bilder, die ich nicht nur von Maman zugeschickt bekomme. Es sind Profilbilder, die von Lehrer*innen wie von „Rastas“ auf Whatsapp verwendet werden – dem Kommunikationsmittel schlechthin.

Es sind aber auch Bilder, die Musliminnen und Muslime als Barbarinnen und Barbaren bezeichnen und ihnen weitere solche Attribute zuschreiben. Es ist vor allem dieser Aspekt, der mich noch irritiert, da es in Togo prozentual gleichviele christliche als auch muslimische Gläubige gibt. Sie leben zwar weiter im Norden des Landes, kämpfen aber zum Beispiel gerade Seite an Seite mit Christen für den Rücktritt des Präsidenten. Religiöse Konflikte sind mir nicht bekannt.

 

Das muslimische Viertel in Kpalimé steht auf jeden Fall noch auf meinem Plan. Ich höre nämlich nicht nur den französischsprachigen katholischen Jugendkirchenchor zu dem ich eingeladen wurde, sondern auch einen Muezzin. Vielleicht zieht sich ja auch die muslimische Religion durch den gesamten Alltag des restlichen kleinen Teiles Kpalimés. Oder dreht sich ebenso der Alltag eher um die Religion? Doch da bin ich noch unsicherer.

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