#4: Das Radiogerät eines schönen Samstagvormittags in Togo

In das Wochenende wird zuhause in Deutschland traditionell mit einem Verbot gestartet. Der Samstagvormittag ist bei uns eine der wenigen Sperrzeiten für jegliches Radiogerät. Ob beim wöchentlichen Großeinkauf im Auto, beim Aufräumen im Zimmer oder am Frühstückstisch. Sobald soeben die möglichen Gründe für das Verkommen der Kapländischen Zimmerlinde von Frau Müller erörtert wurden und ich eigentlich noch wissen will wie oft Herr Krüger nun sein Bromeliengewächse gießen soll, damit aus den zarten Blüten noch eine prächtige Pflanze erwachsen wird – Samstagvormittag bedeutet nämlich Experten*innenrunde von zehn bis eins bei unserem Stammsender – bekomme ich auch schon den Befehl mütterlicherseits sofort jene schlauen Stimmen verstummen zu lassen. Wenn es nur nach meiner Mutter gehen würde, würde auch der Nachmittag unter dieses ungeschriebene Gesetz fallen. Denn dann ist Bundesligakonferenz.

 

In Togo sind mir bis jetzt viele Unterschiede zu Deutschland aufgefallen, oft waren es eher die großen Dinge. Die feinen Differenzen kommen wahrscheinlich erst nach ein paar Monaten zum Vorschein. Und doch hat sich diese scheinbare Kleinigkeit bei mir eingebrannt. Die Betonung liegt jedoch bei scheinbar; an einem Radiogerät eines schönen Samstagvormittags in Togo hängt noch sehr viel mehr. An einem schönen Samstagvormittag in Togo verstummen bei meiner Gastmutter keine Radiogeräte. Sie werden so richtig aufgedreht.

 

Dass das Radio überhaupt läuft, ist nicht ungewöhnlich. Meine Gastmutter steht morgens auf, um als erste Amtshandlung jedes neuen, anstehenden Tages den Hof und den dazugehörigen Straßenabschnitt gründlich zu fegen. Es könnten ja schon um 5 Uhr morgens Gäste kommen – und sie kommen. Jedes Mal, wenn ich halb schlaftrunken den Weg zur Küche suche begrüßt mich jedes Mal, seit geraumen zwei Wochen, ein neues, mir unbekanntes, hellwaches Gesicht. Ich hoffe die Gesichtserkennung hat mich nicht im Stich gelassen und die Nachbarschaft ist wirklich so weitläufig wie es mir vorkommt.

 

Wichtig ist aber zunächst, dass für das Fegen dieser gesamte Bereich mit frivolen Kirchengesängen aus dem Radio beschallt wird und ich weiß: es ist bald Zeit aufzustehen. Praktischerweise weiß ich auch ab wann ich mich abends nicht mehr dem einen wackligen Tellerstapel nähern sollte. Denn sobald das letzte Ave-Maria verstummt geht auch „Maman“ schlafen.

 

Dazwischen liegt ein vielfältiges, straffes, presbyterianisch evangelisches Radioprogramm.

 

Wenn ich den Weg zur Küche gefunden habe und mit meinem zubereiteten Frühstück am Esstisch in den Morgen starte, liest der Moderator die Todesanzeigen vor. Kurz vor dem Verlassen des Hauses wechselt das untermalende Orgelspiel zu moderneren Keyboardklängen und schon ist die tägliche Kontaktbörse an der Reihe, bei der alles zwischen neuen Schulprogrammen und Haushaltskräften angeboten oder gesucht wird. Zum Mittagessen lauschen wir togolesischer Kirchenmusik. Gekennzeichnet durch viel Percussion und übersteuerte Keyboardklänge, singt meist ein Chor in der Regionalsprache Ewe in ebenfalls oft übersteuerte Mikrofone. Meine Gastmutter scheint das Rauschen des Radios nicht zu stören und so steigt sie oft mit voller Inbrunst in den Gesang mit ein. Bis nachmittags höre ich selbst Passanten lauthals mitsingen doch umso mehr die Erdrotation die Sonne in den Westen drängt desto weniger werden sie. Desto mehr mehrt sich vielmehr französische Chanson und Popmusik. Doch bei näherem Zuhören entpuppt sich Céline Dion als christliche Frontsängerin und My Heart Will Go On als ein Lobgesang an Mutter Jesu. Kurz vor dem Abendbrot wird schließlich aus der Bibel vorgelesen. Die zehn Minuten erinnern mich doch stark an den abendlichen Ohrenbären unseres deutschen Stammsenders und so werden auch in Togo Geschichten vorgelesen, Ideen und Werte vermittelt.

 

An einem schönen Samstagvormittag in Togo verstummen bei meiner Gastmutter keine Radiogeräte. Sie werden so richtig aufgedreht. Und nicht nur weil der Hausputz ansteht.

Ein schöner Samstagvormittag bedeutet auch im evangelischen Radio Experten*innenrunde. Würden hier jene schlauen Stimmen verstummen würde ich den Befehl mütterlicherseits bekommen sie wieder sofort zum Leben zu erwecken. Jene schlauen Stimmen entstammen Patern und Priestern. Jene schlauen Stimmen beantworten Fragen zum Glauben und zur Kirche. Sobald soeben die Gründe gegen Voodoo und den in Togo chronologisch gesehen älteren Animismus erörtert wurden und ich eigentlich noch ebenso wie der Anrufende wissen will warum eigentlich keine Frauen in den kirchlichen Führungsriegen präsent sind – in Togo scheint das nicht nur bei den Katholiken der Fall zu sein – so verstummen dann auch die Stimmen in Togo. Das gehöre nämlich leider nicht zum heutigen Thema. Wie schade.

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