#3: Irgendwo unter Millionen: Lomé, Hauptstadt Togos

Alle Köpfe wackeln hin und her, ausklappbare Sitze werfen ihre Nutzer_innen in die Luft, Palmenblätter streifen nicht aufmerksamen Personen durchs Gesicht. Der Busfahrer nutzt eine der wenigen Verkehrslücken, beschleunigt und fädelt sich in den Verkehr ein.

Ob Haupt- oder Nebenstraße, überall sehe ich hunderte kleine Läden am Straßenrand. Sie befinden sich in den größtenteils einstöckigen Häusern. Manche bestehen dennoch nur aus Holzpfosten und Welldächern, andere nur aus kleinen Tischen. Erdnüsse werden in früheren Alkoholflaschen angeboten, Benzin für die Mototaxen ebenso; Bananenchips, kandierte Nüsse oder geschnittene Papaya in Plastikverpackungen. Ananas und Kokosnüsse werden für den Käufer frisch zubereitet. Zwischendurch türmen sich Sand- und Kieshügel in allen erdenklichen Farben, kunstvoll gestapelte Fliesen, Marmorplatten, Backsteine und Holzpfähle. Gusseiserne Eingangstore stehen neben Polstermöbeln und scheinbar soeben fertig geschreinerten Holzbetten. Zwischendrin sehe ich kleine Felder auf denen Kohl angebaut wird oder hunderte kleine silbrige Fische, die auf Bordsteinen und vor allem Kreisverkehren trocknen.

 

Vieles wirkt so durcheinander und provisorisch, für mich nicht zu entschlüsseln. Wer kauft diesen ganzen Sand oder die doch häufig angebotenen meterlangen Holzpfähle? Wo stehen die Preise? Welcher Preis ist angemessen? Die Straßen aus gestampfter roter Erde schlängeln sich, von Schlaglöchern und plötzlichen Erhebungen gesäumt, irgendwie durch die Stadt.

Und wir befinden uns mit dem besagten Bus mittendrin, irgendwo unter Millionen: Lomé, Hauptstadt Togos. Mal kommen wir nur schleichend voran; mal preschen wir mit 60-70 km/h durch die Stadt.

 

Und doch kann ich eine gewisse Struktur erkennen. Große Asphaltstraßen ziehen sich über wichtige Verkehrsknoten durch die Stadt. An bestimmten Kreuzungen regeln Ampeln oder Polizisten den Verkehr. Vor Kasernen oder Regierungsgebäuden verlangsamen Sleeping-Policemen die vielen Motorräder. Die Fische liegen nur in Hafennähe auf dem Boden und auch die verschiedenen Stände bieten die Ware in den bestimmten, gleichen Kombinationen an. Manche sind spezialisiert auf Feuerlöscher und Gaskartuschen, andere auf Felgen, Reifen und Warndreiecke. Der Snack to go wird überwiegend von Frauen an Kreuzungen verkauft an denen die Autos oder Mototaxis auch oft halten. Das Essen wird kunstvoll in Schüsseln auf dem Kopf balancierend transportiert. Jede Verkäuferin hält einen Eimer in der Hand auf den sie ihre Schüssel beim Verkaufen abstellen kann. Doch auch Ware für den täglichen Gebrauch wie Brot oder Maisklöße eingewickelt in Baumblättern wird so angeboten.

 

Der Bus fährt einen Hügel herab und an einem See vorbei. Die verschiedenen Stadtviertel unterscheiden sich für mich nicht bedeutend voneinander. In den nächsten Tagen werden die sozialen Unterschiede jedoch deutlicher.

Und auf einmal erstreckt sich der Atlantik vor uns. Der Bus nimmt eine scharfe Rechtskurve und fährt eine Zeit lang an der Strandpromenade entlang. Am Horizont laufen unzählige Containerschiffer in den Hochseehafen ein. Lomé ist das Zuhause für rund 1,6 Millionen Menschen und wichtigster wirtschaftlicher Knotenpunkt für Burkina Faso, den Bénin und natürlich Togo – der Großraum Lomé reicht sogar bis ins ghanaische Festland hinein.

 

Strandbars säumen den ockerfarbenen Sand, zwischendrin stehen Palmen und einfache Fischerboote aus Holz. Ich sehe zum ersten Mal die deutsche Botschaft. Doch dazu später mehr.

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